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Versicherung als Treasury-Thema: Wo mittelgrosse Schweizer Unternehmen Geld verlieren, Risiken übersehen – und wie ein Review beides korrigiert

  • Autorenbild: Albert Chung
    Albert Chung
  • 31. März
  • 6 Min. Lesezeit

Warum Insurance gerade jetzt CFO- und Treasury-relevant ist


In vielen Schweizer Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen läuft Versicherung organisatorisch „nebenbei“: Renewal, ein paar Unterschriften, fertig. Das wirkt effizient – bis ein grosser Schaden eintritt und die Police plötzlich zu einer Liquiditäts- und Ergebnisfrage wird.

Dann zählen keine Schlagworte, sondern Details:

Was ist wirklich gedeckt – und was nicht?

Welche Sublimits, Selbstbehalte, Ausschlüsse, Obliegenheiten?

Wie schnell kommt Geld – und wovon hängt das Timing ab?

Welche Nachweise sind erforderlich, damit ein Claim nicht hängen bleibt? Welche Strategien gibt es für eine effiziente Bearbeitung von Anträgen?


In der Praxis entscheidet das Versicherungsprogramm nicht nur über die Schadenhöhe, sondern über die Cash-Timing-Dynamik und darüber, wie viel Verlust die Bilanz tatsächlich tragen muss.

Darüber hinaus verändert sich die Risikolandschaft rasant. Im Zeitalter von Polykrisen sehen sich viele Unternehmen mit neuartigen Risiken konfrontiert: Lieferketten- und geopolitische Fragmentierung, Naturkatastrophen und Klimaschwankungen sowie zunehmende Cyber- und KI-bezogene Risiken. Diese Risiken gewinnen für viele Unternehmen zunehmend an Bedeutung – gerade dort, wo sich operative Störungen direkt auf Betriebskapital, Kreditvereinbarungen, strategische Ausrichtung und Dividendenausschüttungen auswirken.

Die CFO-Perspektive ist daher simpel: Versicherung ist nicht „Admin“. Sie ist Risikofinanzierung – und damit Treasury-Logik.


Treasury-Logik als Blaupause für Insurance Governance

Treasury steuert seit Jahren strukturiert: Risikoappetit, Limite, Reporting, Eskalationen, Verantwortlichkeiten. Für Versicherung funktioniert dasselbe – nur wird es oft nicht so geführt.

Ein „Treasury-ready“ Versicherungs-Setup hat typischerweise:

Risk Appetite für versicherbare Risiken

Wie viel Verlust pro Ereignis / pro Jahr tragen wir bewusst selbst?

Wo lohnt sich Transfer, wo Retention (Deductibles/SIR)?

Entscheidarchitektur

Wer entscheidet Limits, Selbstbehalte, Ausnahmen?

Welche Themen müssen in GL/VR eskaliert werden?

Mess- und Steuerungslogik

Szenarien (Worst Case / plausible Maximalverluste)

Konzentrationen (Standorte, Lieferketten, Single Points of Failure)

Dokumentation & Nachweisfähigkeit


Damit im Schadenfall nicht „Interpretation“ entscheidet, sondern Klarheit.

Das ist weniger Theorie als praktische Steuerbarkeit: Ownership, Kontrolle, unabhängige Challenge – und belastbares Reporting.


Overinsured, underinsured – oder schlicht unklar: typische Muster in Unternehmen

In Reviews sehen wir selten „alles falsch“. Häufiger ist schleichende Drift: Programm wächst historisch, Standorte ändern sich, Lieferketten verschieben sich, Digitalisierung beschleunigt – und Policen laufen weiter.


Die Muster, die CFOs am meisten kosten (Geld oder Überraschungen)

1) Underinsurance durch Bewertungs- und Inflationsdrift

Replacement Values, Maschinen, Vorräte, Projekte: Wenn Werte nicht sauber aktualisiert werden, entstehen Lücken – und im Schadenfall greifen Mechaniken, die zu Kürzungen führen können. Der Effekt ist tückisch: Auf dem Papier sind Summen vorhanden, real sind sie entwertet.

CFO-Relevanz: unerwartete Eigenbelastung + schlechtere Planbarkeit der Ergebnisvolatilität.


2) Datenqualität als versteckter Prämientreiber

Unvollständige Exposures, inkonsistente Standortdaten, fehlende BI-Logiken: Das erhöht Underwriting-Unsicherheit – und diese Unsicherheit wird bezahlt, oft nicht direkt sichtbar als „Aufschlag“, sondern über Terms, Sublimits, Ausschlüsse.

CFO-Relevanz: „Wir zahlen nicht nur Prämie – wir zahlen auch für Unklarheit.“


3) Business Interruption: richtig teuer, oft falsch gebaut

BI ist in vielen Unternehmen das Risiko, das den Gewinn wirklich trifft: Stillstand, Lieferketten, Kundenabhängigkeiten, Wiederanlauf. Trotzdem sind Parameter häufig historisch: Indemnity Period, Waiting Period, Definitionen, Abhängigkeiten, Extensions.

Eine Standard-Betriebsunterbrechungsversicherung zahlt nur, wenn Ihr Eigentum beschädigt wird. Wissen Sie, ob Sie versichert sind, wenn ein Hafenstreik oder ein regionaler Konflikt Ihre Rohstofflieferungen unterbricht? Oder wenn eine Straße durch das eingestürzte Nachbargebäude blockiert wird?

CFO-Relevanz: Wenn BI falsch dimensioniert ist, ist die Police im Ernstfall ein Teilproblem, nicht die Lösung.


4) Cyber: versichert – aber nicht automatisch „insurable“

Cyber-Versicherung ist heute weniger „Produkt kaufen“ und mehr „Zulassung erhalten“: Kontrollen, Governance, Nachweise, Incident Response, Third-Party-Management. Wenn Security-Roadmap und Renewal getrennt laufen, entstehen Deckungslücken, Verzögerungen oder harte Bedingungen.

Haben Sie von dem Autohersteller gehört, der seine Cybersicherheitsstrategie nicht finalisiert hatte und nach einem Cyberangriff von der Regierung gerettet werden musste?


5) Naturgefahren: robustes System – aber nicht automatisch ausreichend für Corporates

Schweizer Rahmenbedingungen decken viele Elementarrisiken solide ab. Für Unternehmen mit hohen Werten, Konzentrationen oder komplexen Betriebsmodellen bleibt aber die Frage: Reichen Limits und Struktur wirklich – oder verlassen wir uns auf ein Grundsystem, das für unsere Exponierung nicht „massgeschneidert“ ist?

CFO-Relevanz: Konzentrationsrisiko + mögliche Limit-Wirkung im Grossereignis.


6) Erdbeben: häufig ein Blind Spot

Viele Unternehmen haben zu Erdbeben keine bewusste Entscheidung getroffen – weder Transfer noch bewusste Nicht-Deckung. Das ist riskant, weil Erdbeben ein „Low frequency / high severity“-Thema ist: selten, aber potenziell existenziell.

CFO-Relevanz: Worst-Case-Resilienz ist ein VR-Thema – und sollte nicht „implizit“ passieren.


Was ein unabhängiger Insurance-&-Risk-Review typischerweise sichtbar macht – und warum er sich oft selbst finanziert

Ein guter Review ist kein „Police-Lesekreis“. Er liefert eine CFO-taugliche Entscheidungsgrundlage:

Welche Risiken tragen wir selbst?

Welche transferieren wir?

Was ist der effizienteste Mix aus Kosten, Kapitalbindung, Liquiditätsresilienz und Governance?

Und genau hier liegt der Punkt, den viele unterschätzen: Ein Review ist nicht nur Risikoarbeit, sondern häufig ein direkter Kostenhebel. In der Praxis sehen wir oft, dass sich ein strukturiertes Review durch bessere Konditionen, weniger Reibung und weniger „Overbuying“ rasch amortisiert.


Typische Resultate fallen in drei Kategorien:

1) Kostenhebel ohne Risikoerhöhung (und oft mit sofortigem Prämien-Effekt)

Oft gibt es Prämien- und Strukturhebel, die nicht „mehr Risiko“ bedeuten, sondern bessere Passform:

Doppelungen und historisch gewachsene Zusatzdeckungen identifizieren (bezahlen, ohne echten Mehrwert)

Sublimits und Extensions auf die tatsächlichen Exposures kalibrieren (statt „für alle Fälle“)

Selbstbehalte gezielt optimieren: dort erhöhen, wo die Frequenz stabil und die Volatilität gering ist – und dort einkaufen, wo der Tail-Risk wirklich weh tut

Programm vereinfachen (weniger Ausnahmen, klarere Struktur), was sowohl Prämien als auch interne Aufwände reduziert

Der Effekt ist CFO-tauglich, weil er zwei Dinge verbindet: Prämienkosten und Bilanz-/Cash-Volatilität.


2) Risikoreduktion, die sich in Konditionen materialisiert (CAPEX/OPEX mit Transferpreis verknüpfen)

Präventionsmassnahmen lohnen sich nicht nur operativ, sondern auch finanziell – wenn sie sauber in die Versicherungslogik übersetzt werden:

Risk Engineering / Schutzkonzepte für kritische Standorte

Notfallorganisation und Wiederanlaufplanung (BI)

Cyber Controls und Third-Party Governance

Das macht Investitionen steuerbar, weil man sie an einer klaren CFO-Frage ausrichtet: Was kostet uns Risikoreduktion – und wie viel Transferpreis sparen wir bzw. wie viel Kapazität gewinnen wir dadurch?


3) Prozess- und Datenhebel, die Claims und Timing verbessern (verdeckte Kosten eliminieren)

Viele teure Überraschungen entstehen nicht durch „zu wenig Prämie“, sondern durch fehlende Belege, falsche Definitionen oder Obliegenheiten. Ein Review verbessert die Claim-Fähigkeit – und reduziert damit verdeckte Kosten:

weniger Aufwand in der jährlichen Submission (kein „Projekt“ mehr)

weniger Underwriting-Unsicherheit (bessere Terms/mehr Wettbewerb)

schnellere Claim-Abwicklung, weniger Liquiditätsstress im Ereignisfall

weniger Diskussionen über Trigger, Ereignisdefinitionen, Nachweisführung

Der wichtigste CFO-Begriff dabei bleibt Total Cost of Risk:

Nicht nur Prämie, sondern auch erwartete Eigenverluste, Volatilität, interne Aufwände, Friktion im Schadenfall – und die Wirkung auf Liquidität.


Leitfragen für CFOs und Treasurers (Blind-Spot-Check)

 Wenn Sie in 20 Minuten prüfen wollen, ob Ihr Setup „Treasury-ready“ und kosteneffizient ist, helfen Fragen, die bewusst „operativ unangenehm“ sind – weil sie sofort zeigen, ob das Thema wirklich steuerbar ist:

48h-Daten-Test: Könnten Sie einem Underwriter innerhalb von 48 Stunden eine konsistente Exposure-Story liefern (Standorte, Werte, Schutzkonzepte, BI-Parameter, Schadenhistorie) – oder ist das jedes Jahr ein Projekt?

48h-Claim-Test: Könnten Sie im Schadenfall innert 48 Stunden nachweisen, was betroffen ist, welche Werte gelten, welche Trigger greifen und wer welche Obliegenheiten erfüllt hat?

Single-Point-of-Failure: Wissen Sie, welcher eine Standort / eine Anlage / ein Lieferant Ihre Ergebnisrechnung am schnellsten „kaputt macht“ – und ist genau dafür BI und Property richtig dimensioniert?

Working-Capital-Schock: Was passiert mit Liquidität und Covenants, wenn ein Ereignis zwar gedeckt ist, die Auszahlung aber 90–180 Tage dauert? Ist dieses Timing in Treasury-Stresstests überhaupt drin?

Obliegenheiten-Realität: Gibt es Zusagen in Policen (Wartung, Sicherungen, Backups, Zutrittskontrollen), die „auf Papier“ erfüllt sind – aber operativ nicht konsequent nachweisbar?

Overbuying vs. Underbuying: Wo zahlen wir für Deckung, die wir faktisch nicht brauchen – und wo fehlen uns genau die Extensions, die in unserem Operating Model den Unterschied machen?

BI-Modell: Können Sie erklären, wie BI-Werte gerechnet sind (Marge, Fixkosten, Extra Expenses) – und würden Ihre Business Units diese Logik unterschreiben?

Cyber-Handshake: Wenn Sie morgen Renewal haben: Sind die Security-Kontrollen, die Versicherbarkeit beeinflussen, mit dem Programm synchronisiert – oder laufen Security Roadmap und Versicherung getrennt?

Naturgefahren-Konzentration: Können Sie zeigen, wie hoch Ihre Wertkonzentration in einem Ereignisgebiet ist – und welche Limit-/Sublimit-Wirkung das hat?

Erdbeben-Entscheid: Haben Sie eine bewusste Entscheidung (Transfer / Teiltransfer / bewusst nicht transferieren) – inkl. Begründung aus Risk Appetite und Risikotragfähigkeit?

Wenn bei mehreren Fragen Unsicherheit bleibt, ist das meist kein Alarm – sondern ein Hinweis auf Wertpotenzial: Kosten, Klarheit, Resilienz.


Wie wir das Thema angehen: Treasury-Logik plus Underwriting-Realität


Ein wirkungsvoller Ansatz verbindet zwei Perspektiven:

Treasury-Logik: Risikotragfähigkeit, Eigenbehaltspolitik, Liquiditäts- und Kapitalwirkung im Stressfall, Governance, Reporting – plus die Frage, wie man Total Cost of Risk aktiv senkt.

Underwriting-Realität: Bewertungslogik, BI-Mechanik, Wording-Fallen, Obliegenheiten, Datenqualität, Controls – und die Faktoren, die Terms und Claims Outcomes tatsächlich bestimmen.

Das Ergebnis ist kein „schöner Ordner“, sondern eine entscheidungsfähige Sicht: Was ist unser optimaler Transfer-/Retention-Mix – und welche Anpassungen bringen messbare Kosteneffizienz, ohne dass wir uns blind exponieren?


Bottom line: In einer Welt, in der Cyber, Unterbruch und Naturereignisse zu den häufigsten Gründen für grosse finanzielle Schocks gehören, ist Versicherung ein Resilienz-Instrument – und bei sauberem Setup gleichzeitig ein Kosten- und Effizienzhebel.

 
 
 

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